@hjs (Forum)

Sohn des Landes der Schweiz-Bezwinger !, Friday, 27.10.2023, 16:51 (vor 862 Tagen) @ hjs ergänzend

Ich habe nicht geschrieben, dass für mich beide Seiten gleich gut oder menschenfreundlich sind.

Ich wollte Dir das auch nicht unterstellen. Finde es aber dennoch gut, dass Du das nochmal explizit betont hast. Danke dafür! Mir geht das schon alles an die Nieren, weil ich das Land liebe und Bekannte dort unten habe, bei denen ich auch zuhause im Grillgarten und im Schutzraum war.

Mein Argument, es gibt kein Schwarz-Weiß bezieht sich auf den Konflikt insgesamt.

Okay. Mir ging es primär um die Gegenüberdarstellung einer weitestgehend sehr gut funktionierenden, aber menschlich fehlerhaften israelischen Demokratie einerseits und dem widerlichen Regime in Gaza andrerseits.

Dass es in der gesamten Geschichte des Konfliktes (und die beginnt noch lange vor der Staatsgründung Israels) auch jüdische Verbrechen und Ungerechtigkeiten gegenüber Araber wie Briten gab, würde ich nie bestreiten. Und erst recht nicht, dass es durch (von arabischen Regimes vom Zaun gebrochene) Kriege zu Vertreibungen kam.

Es ist auch ein Unding, dass die pal. Flüchtlingsproblematik nicht gelöst wurde. Hier sehe ich aber nicht Israel in der Pflicht (die bereits Hunderttausende aus arabischen/muslimischen Ländern vertriebene jüdische Flüchtlinge aufgenommen haben), sondern vielmehr Staaten wie Jordanien (die Bevölkerung ist dort eh mehrheitlich palästinensisch), Ägypten, Syrien oder Libanon. Zudem könnte es längst ein Rückkehrrecht in einen Palästinenserstaat geben, wäre dieser nicht mehrfach abgelehnt worden. Zuletzt 2008, als Ehud Olmert der Gegenseite das beste Angebot aller Zeiten unterbreitet hat.

gehört halt auch, dass Israel durch die Blockade die Verzweiflung der Menschen dort vertieft, dass die Mauer, die Israel vom Westjordanland trennt, nicht dem akzeptieren Grenzverlauf folgt, und dass die Siedlungen im Westjordanland immer noch mehr und größer werden

Die Blockade war eine Reaktion auf den Raketenbeschuss. Es gab anfangs keine Blockade nach dem Abzug 2005. Gaza hätte zu einer Art Abu Dhabi oder Dubai werden können. Ich sehe hier eigentlich die Neocons um George W. Bush in der Schuld. Die haben auf freien Wahlen bestanden, als wären freien Wahlen schon alles was eine freiheitliche Demokratie im Kern ausmacht, und dann auch noch der Hamas erlaubt anzutreten mit den jetzt bekannten Folgen.

Ich denke, wenn die Hamas besiegt worden ist, was allerdings sehr schwer werden wird, kann die Blockade wieder aufgehoben werden. Es ist jetzt auch schwer zu sagen wieviele Gazaner wirklich hinter der Hamas stehen und wieviele erleichtert sein werden von der Befreiung. Ich denke allerdings, dass, davon unabhängig, es- wie bei den Deutschen und den Japanern nach dem verlorenen Weltkrieg- erstmal eine Übergangszeit braucht, in der Reeducation betrieben wird, wo die politische Kontrolle externen Mächten obliegt, bevor überhaupt wieder gewählt werden darf.

Mit den Siedlungen (und den damit verbundenem Mauerlauf) gebe ich Dir recht. Würde allerdings differenzieren zwischen Siedlungen mitten in der Westbank und "Siedlungen" in (Ost)jerusalem.

Schließlich hat sich Netanjahu in seine Regierung auch Politiker geholt, die im Wahlkampf schon mal ein Israel bis zum Jordan fordern.

Ich halte auch wenig bis nichts von einem Ben Gvir und von Kahanisten überhaupt. Israel ist der Staat all seiner Bürger, also auch der Drusen, der Beduinen, der Tscherkessen, der Armenier und eben auch der Araber.

Kluge israelische Politiker wie zuletzt Rabin und in seinen letzten Jahren sogar Scharon in den 90ern haben verstanden, dass Israel in diesen Punkten nachgeben muss.

Oslo war als Grundidee sinnvoll. Nur leider war Arafat irgendwie nicht der richtige Partner für den Frieden und Abbas ist keinen Deut besser. Den Palästinensern fehlt ein echter "nation builder". Der beste palästinensische Politiker war m.E. Salam Fayyad. Er war ein solcher "nation builder" aber zuviele Menschen haben ihn völlig zu Unrecht nur als einen Lakaien der USA gesehen.

Seit der zweiten Intifada heißt die Devise "Sicherheit first, Frieden second."

Natürlich wäre ein echter Frieden wie mit Ägypten und Jordanien allemal besser als der Status Quo, aber um Frieden zu schliessen, braucht es halt auch einen friedensbereiten Partner.

Ich habe deshalb nur über Israel geschrieben, um zu zeigen, dass diese Seite in dem Konflikt insgesamt nicht "weiß" ist.

Und ich wage zu sagen, dass es unmöglich ist, im Nahen Osten mit einer blütenreinen weißen Weste zu überleben. Was nicht heisst, dass ich alles gutfinde, was irgendeine israelische Regierung macht. Wie bei jedem anderen Land, finde ich manches besser als Anderes.

Aber ich muss zur Arbeit, wo in mehreren Klassenzimmern Mädchen Palästinaflaggen aufgehängt haben, womit man sich pädagogisch auseinandersetzen muss.

Ich wünsche Dir dabei gutes Gelingen. Meiner Erfahrung nach kennen auch viele Jugendliche die historischen Fakten nicht richtig. Da muss man ansetzen. Kannst ja mal mit der Frage beginnen, wer diese Flagge entworfen hat.

Ganz generell kann ich noch jedem hier (und vielleicht auch Deinen Schülern, vorausgesetzt sie beherrschen Englisch gut genug) diesen Channel ans Herz legen. Die Diskussionen dort sind sehr interessant. Adar Weinreb ist ein sehr guter Gesprächsleiter.


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