Sollte der dt. Fußball über einen WM-Boykott nachdenken? (Forum)
Starker Kommentar: „Sollte der deutsche Fußball über einen WM-Boykott nachdenken?“, fragt in der „FAZ“ Anno Hecker.
Ich mache mir da auch keinerlei Hoffnungen, dass ein Boykott erfolgen könnte.
Wie gestern bereits beschrieben, vertritt für mich der Fußball generell die Werte von Völkerverständigung und Fairness. Und sollte genau da einspringen, wo es die Politik nicht mehr schafft, Brücken zu bauen.Natürlich bemerke auch ich, wie diese Werte in den letzten Turnierperioden immer mehr mit Füßen getreten werden. Ob dabei Boykottaufrufe wie bei der EM2012, Olympia in Peking und Sotschi oder zuletzt bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 mittlerweile aus inflationärer Trotzigkeit, oder der berühmten moralischen Überlegenheit der Couchdemonstranten stattfinden, mag ich nicht bewerten. Dass bei jedem Turnier ein neues "Ende der Fahnenstange" erreicht ist, und "aber jetzt wirklich" gerufen wird, nimmt einem Boykottaufruf jegliche Ernsthaftigkeit.
Bislang haben Boykottaufrufe wenigstens immer dafür gesorgt, dass politische Themen in den Vordergrund getragen wurden, auch wenn dies auf dem Rücken des Fußballs ausgetragen wurde.
Der neue Staatsterrorismus der USA ist eine neue Dimension, der sich allenfalls mit dem Umgang mit der Weltmeisterschaft 1978 vergleichen lässt (zu der ich allerdings noch nicht geboren war). Auch mich lässt die Situation etwas ratlos zurück.
Einerseits kann der Fußball nicht die Probleme lösen, welche die Politik nicht gebacken kriegt. Und ihm darf auch nicht die Verantwortung auf die Schultern gelegt werden, für diese Probleme gerade stehen zu müssen. Andererseits sind mir die Methoden des Sportswashings auch absolut zuwider. Die Idee, dass Friedenspreisträger Trump den WM-Pokal überreichen soll, während er gleichzeitig in demokratischen Bundesstaaten Andersdenkende hinrichten lässt, lässt mich erschaudern.
Die FIFA könnte hier ein Türöffner und eine moralische Instanz sein, welche Brücken an stellen eröffnet, an denen die Politik versagt. Leider hat sie diese Werte bereits verkauft und ist als solcher "Moralapostel" nicht mehr vermittelbar. Das Turnier in Katar hat auch gezeigt, dass demokratischer Protest (ich erinnere mal an diese "Wir dürfen nichts sagen"-Geste der deutschen Elf) bei der WM durch die Teams nicht erwünscht ist.
Ich glaube insgesamt nicht daran, dass die deutsche Elf das Turnier boykottieren wird. Da hängen zuviele Interessen am globalen Markt dran, nicht zuletzt dass es auch die letzte deutsche WM mit adidas ist, bevor die Elf ab kommenden Januar mit dem US-Hersteller nike aufläuft.
Ein wenig fällt mir da immer die spielerisch lustluse Bayernsau Kimmich ein: Nach Russland und Katar ist es seine dritte WM als Kapitän und immer ist er es, dem diese politische Verantwortung auf die Schultern geladen wurde. Diese Last hat jetzt zweimal in Folge dazu geführt, dass Deutschland das Turnier bereits mit Ende der Vorrunde erfolgreich boykottiert hat. Vielleicht können wir uns ja auf diesen Konsens einigen und erneut in der Vorrunde scheitern.
Vielleicht können wir aber auch alle selbst überlegen, inwiefern man eine WM wirklich boykottieren will. Denn nur den Fernseher nicht einschalten wird alleine nicht reichen. Und aus allen Fußballdiskussionen im Arbeits- oder Freundeskreis trotzig politische Diskurse heraufzubeschwören, verschärft eher Probleme als dass welche gelöst werden. Ein Boykottaufruf im Privaten muss auch bedeuten, den engen Partnern der FIFA aufzuzeigen, dass man ihre Produkte WEGEN ihrer Partnerschaft mit dem Fußballverband nicht mehr nutzen würde. Aber ehrlich: Wer von uns wird wirklich langfristig auf Coca-Cola (mit allen Nischenprodukten), seiner Visa-Kreditkarte und adidas-Klamotten verzichten? Auch niemand. Na gut ...
Die Nationalelf könnte ja Weltmeister werden und dann als politisches Zeichen die Pokalübergabe boykottieren. Das wäre doch ein guter Plan.
War 2018 und 2022 nicht Neuer Kapitän der Mannschaft ?
