Und wenn ein Schüler alles auswendig lernt und Du dann über "Einfordern von echtem Denken" dem Schüler dann eine drei oder vier verpasst weil Du auch die "leichten Aufgaben" zum Denksport machst, dann wünsche ich Dir viel Glück bei der nächsten Elternkonferenz.
Zum Glück sind die Klassenelternabende immer schon, bevor es mit den Prüfungen im Schuljahr richtig losgeht. ;)
Vor zwei Wochen waren an unserer Schule die Klassenelternabende und dort habe ich eigentlich sehr offensiv meine Philosophie vertreten.
Ich habe den Eltern gesagt, dass ich es als wesentlichen Teil meines Jobs verstehe, ihren Kindern den Unterschied zwischen Lernen und Büffeln zu vermitteln. Ich habe dann einen von mir konzipierten kleinen schriftlichen Leistungsnachweis ("angesagte Ex") im Fach Physik aus dem Vorjahr zum Thema Klima gezeigt und die didaktischen Überlegungen dazu beschrieben: Alle Informationen, die man durch Büffeln im Vorfeld des Tests in sich hereinstopfen könnte, waren entweder in der Aufgabenstellung oder im Begleitmaterial gegeben. Das Büffeln wird dadurch ausgebremst. Außerdem enthielt der Test eine niederschwellige Einstiegsaufgabe, die aber keine Reproduktionsaufgabe war. Insgesamt habe ich in dem Test eher geprüft, was der Schüler bei der Bearbeitung der Aufgaben dazulernt, als das, was er im Vorfeld gelernt hat. "Dazulernen" ist dabei nicht im Sinne von "sich neuen Stoff aneignen" zu verstehen, sondern es wurde geprüft, ob der Schüler in der Lage ist, aus den Impulsen der Angabe (+ Begleitmaterial) zusammen mit dem Vorwissen neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Ich hatte den Eindruck, dass die meisten Eltern dachten, dass das gar nicht so blöd ist, was der Dödel da vorne ihnen gerade erzählt hat.
Ich hatte einmal ein Schlüsselerlebnis. Ich übernahm eine schlechte 9. Klasse. Die erste Schulaufgabe war (hauptsächlich) lehrstoffbedingt noch relativ traditionelle und kalkülorientierte Schulaufgabe. Das Ergebnis war eine einzige Katastrophe mit zahlreichen 5ern und 6ern und kaum gute Noten. Die zweite Schulaufgabe war wesentlich stärker verständnisorientiert, der Anteil der Denkaufgaben war wesentlich größer. Die Schulaufgabe ist sehr solide und damit deutlich besser als die erste Schulaufgabe ausgefallen. Lädt man beide Schulaufgaben bei einer KI hoch und fordert sie dazu auf, das Anspruchsniveau unabhängig vom Stoffgebiet zu vergleichen, ist die Antwort, dass die zweite Schulaufgabe deutlich anspruchsvoller war.
Bei einer Schülerin dieser Klasse bekam ich mit, dass sie sich mit einem von ihr mühsam erstellten Merkzettel auf die erste Schulaufgabe vorbereitet hatte. Bei der Herausgabe der Schulaufgabe (Note 2) habe ich zu ihr gesagt, dass mir klar ist, dass nichts besseres dabei rauskommen kann, wenn man sich mit so einem blöden Merkzettel auf die Schulaufgabe vorbereitet. Sie meinte darauf, mit einer 3 sei sie zufrieden und Mathematik sei eh nicht so ihr Fach. Drei Monate später bei der zweiten Schulaufgabe erzielte sie eine 1 mit voller Punktzahl und konnte diese Leistung auch in mehreren anderen Prüfungen (Ich hatte die Klasse in Mathematik und Phyisk) bei mir bestätigen. Als ich sie in dieser Phase fragte, ob sie zuhause jetzt mehr oder weniger lernt als früher, meinte sie nur noch. "Wieso soll ich zuhause etwas lernen. Ich merke doch im Unterricht, dass ich es kann." Das 'Merkzettel-Büffeln', das sie früher betrieben hat, war nur eine Denkbremse.
Eine andere Schülerin - die mit Abstand fleißigste Schülerin der Klasse - hat sich gegen den Klassentrend von der ersten zur zweiten Schulaufgabe auf eine 5 verschlechtert. Sie hatte die Angewohnheit, Lösungswege auswendig zu lernen und nach einem oberflächen Musterabgleich die gelernten Rezepte abzurufen, die dann doch nicht zur gestellten Aufgabe passten. Ihr Lernsystem ist praktisch gecrasht. Ihre Krise hielt eine Zeit lang an, aber gegen Ende des Schuljahrs kam sie dann wieder auf deutlich bessere Ergebnisse. Dies gelang ihr dadurch, dass sie ihr Lernstrategie verändert hat und deutlich mehr Strukturverständnis als zuvor erworben hat. Ein Beleg dafür ist ihre Aussage, dass ihr das Lernen auf die letzte Schulaufgabe wesentlich weniger anstrengend vorkam als das auf die Prüfungen, bei denen sie ihre Misserfolge erzielt hat.
Gerade die "fleißigen Lieschen" (oder "fleißige Mäxchen", um keine Geschlechterstereotype zu verbreiten) profitieren davon, wenn sie gezwungen werden, ihre vermeintliche Komfortzone zu verlassen, um sich weiterzuentwickeln. Denn wenn dieses "fleißige Lieschen" in der Schule immer nur das Feedback bekommt "Toll, dass du so fleißig bist - weiter so!" , dann braucht man sich nicht wundern, wenn dieses "fleißige Lieschen" in höheren Jahrgangsstufen zur "überlasteten Lisa" wird, die den gestiegenen Anforderungen in der Oberstufe sich nicht anders zu helfen weiß, als noch mehr Fleiß zu investieren.