Interrail 1998 (Forum)

Weisswuaschd to go, Sunday, 26.02.2017, 14:46 (vor 3345 Tagen) @ Celtic

Grad noch in der Ausbildung, kaum Geld - da bot sich seinerzeit das Interrailticket an.
Und so kauften mein Spezl Locke (der mit 18 schon eine Plattn hatte) und ich uns das Interrailticket Zone 4 (oder 3? Woaß nimmer so genau).
Die Zone beinhaltete West/Südeuropa bis Portugal inklusive Marokko.

Der Reiseplan wurde schnell festgelegt: Mit dem Zug nach Lindau, dann ab in die Schweiz nach Chur.
In Chur wohnt nämlich die Schwester vom Locke mit ihrem Schratzn. Und die freute sich sehr, ihren Bruder und mich mal wieder zu sehen.
Uns lockte neben den familiären Banden die kostenlose Übernachtung und das Churer Nachtleben - angeblich hatte Chur die größte Kneipendichte Europas (konnten wir damals mangels Internetz nicht verifizieren).

Nach Chur, so war der Plan, sollte es pragmatisch weitergehen: Wir steigen in den nächsten Zug der einfährt und der unserer Interrail-Zone entspricht.
Wir überlassen unsere Reise also dem lieben Gott und dem Wohlwollen der euopäischen Eisenbahnen.

Wir hatten also nix: Keine Ahnung, kein Geld und keinen Plan. Dafür aber Lust, Bierdurst und einen Willen etwas zu sehen.

Gesagt getan: Mit einem Interrail-Reiseführer Europa in der Hand gings per DB nach Lindau und von dort dann über St. Gallen nach Chur.
In St. Gallen verpassten wir dann den Anschluss, weil uns die Schweizer Cops erst mal komplett filzten und unsere mühevoll gepackten Rucksäcke zerlegt.
An diesem Wochenende war nämlich ein Hip Hop Festival in St. Gallen - und die Eidgenossen waren total heiß drauf, bei diesen beiden komischen Bayern in ihren Metalshirts ein paar Drogen zu finden.
Sämtliche Beteuerungen, dass wir uns eher heiße Eisen in die Ohren hauen würden als auch nur einen Ton Hip Hop zu hören blieben nutzlos - wir waren komische Typen in komischen Shirts, wir sind bestimmt auf dem Weg zum Festival, wir haben bestimmt Stoff dabei.
Nach einer guten Stunde wurden wir dann entlassen und konnten endlich in den Zug nach Chur.

Dort angekommen wurde bei der Schwester im Wohnzimmer Quartier bezogen und dann ging es auf ins aufregende Nachtleben in Chur.
Wegen der hohen Anzahl an Kneipen hat jede Boazn ihre eigenen Spezialität, um die trinkfreudigen Menschen anzulocken.
"Toms Bierbox" zum Beispiel sah von aussen aus wie eine überdimensionale Bixn Calanda-Bräu und von innen wie ein Biertragl.
Und die Klos im Keller waren Einzelkabinen, ebenfalls als Bierbixn. Man ging also in eine Bierbixn zum biesln. Urgeil.
Die Nacht wurde auf jeden Fall zum Tage. Irgendwann ging es dann ins Bett und nach einem weiteren Tag mit Sightseeing und einem Besuch in Toms Bierbox stapfte man am folgenden Morgen zum Bahnhof.

Dort wurde, ganz plangemäß, am Schalter gefragt, welcher Zug der nächste wäre.
Die Antwort: In 2 Minuten fährt ein Zug nach Luxemburg Stadt ein.
Alles klar, Luxemburg liegt in der Interrailzone, also auf nach Luxemburg.
Der konsultierte Reiseführer verriet uns, dass es dort einen Campingplatz gibt, den man per Bus erreichen kann.
Da wir zwangsläufig alte Sparfüchse waren nutzte man die Gelegenheit und schlug am Camping Kockelscheuer die zwei 10-Mark-Zelte vom Kaufmarkt auf.
Dann zurück in die Stadt und die engen Gassen erkundet. Sehr gut gefallen hat uns das Luxemburg. Irgendwo in der Stadt stolperten wir dann noch über ein Volksfest mit einer großen Bühne und Bierständen.
An diesen kamen wir unserer Pflicht nach und setzten einiges an Geld in Bier um.
Danach nahmen wir den letzten Bus zurück zum Kockelscheuer.
Neben unseren Billigzelten hatte sich da eine Gruppe wilder Biker aus Preißn aufgebaut, die irgendwie ihren Spaß mit den zwei verwahrlosten Münchnern hatte.
Ergo wurden wir zu Bier und Grillspaß eingeladen und zechten mit den wilden Typen noch fröhlich weiter.
Am nächsten morgen krabbelten wir ziemlich zerstört aus unseren Zelten und beschlossen, weiter zu ziehen.

Mit dem Bus ging es dann zurück zum Hauptbahnhof. Die Frage nach dem nächsten Zug wurde mit "in 10 Minuten nach Paris" beantwortet.
Paris? Beidseitiges Nicken. Noch schnell Dosenbier am Bahnhof besorgt und rein in den Zug.

Dort wurde uns zum ersten Mal bewusst, was für eine Bewegung dieses Interrail ist: Der Zug war gesteckt voll mit Backpackern aus aller Welt.
Wir erheiterten die Stimmung mit unseren Biervorräten und trafen im Laufe des Urlaubs den ein oder anderen aus diesem Zug wieder in anderen Zügen.

In Paris quartieren wir uns ein paar Tage in einer Jugendherberge ein, die im Reiseführer empfohlen wurde.
Damals war das noch nicht so einfach: Bei vielen Herbergen musste man Mitglied in einem Herbergenverein sein und durfte nicht älter als 27 sein. Nur als Mitglied konnte man sich dann einquartieren.
Am Ende des Urlaubs hatte ich eine bunte Sammlung an Mitgliedskarten von europäischen Herbergsvereinen...

Die nächsten Tage schauten wir uns dann Paris an. Zum essen gab es meistens eine Brotzeit in einem Park, natürlich mit der obligatorischen Flasche Wein. Eine pro Nase zum Mittagessen sollte es schon sein...

Paris hat uns sehr gut gefallen. Zum anschauen gibt es immer was, die Franzosen waren ausgesprochen freundlich (obwohl wir kein Wort französisch konnten) und in der Herberge wurden nette Kontakte geknüpft.

Doch irgendwann sollte es dann weitergehen, also fuhren wir zum Ostbahnhof (den Typ mit den Bahnhöfen vom Celtic haben wir auch bekommen - von einem Argentinier).
Die Frage nach dem nächsten Zug wurde am Englischschalter etwas verwirrt aufgenommen. Wo wir denn hinwollen, wollte der Bahnmensch wissen.
Das wissen wir nicht, wir wollen einfach nur wissen wo wir hin können. Das kann er uns erst sagen, wenn wir wissen wo wir hinwollen.
Das ging ein paar Minuten hin und her - der Mann hat unser Konzept nicht verstanden.
Irgendwann konnten wir ihm ein "dann nehmt doch den Zug in 20 Minuten nach Carcasonne rauslocken. Carcassone? Schnell den Reiseführer konsultiert: Größte noch erhaltene und bewohnte Burganlage Europas.
Muss man gesehen haben, wenn man sich in Frankreich tummelt. Einwandfrei.

In Carcassonne marschierten wir dann schnurstracks vom Bahnhof in die Burganlage. "Schnurstracks" dürfte so eine Stunde gedauert haben.
In der Burg gab es eine Herberge, also dort hin. Der mürrische Herbergsvater fragte, ob wir reserviert haben. Ohne Reservierung geht nix. Hatten wir natürlich nicht. Wie auch?
Aber er hatte ein Einsehen und gab uns trotzdem ein Zimmer. Einen 12er-Dorm, den wir ganz für uns alleine hatten. Genau genommen waren wir die einzigen Gäste in der Herberge.
Ausgestattet mit einer weiteren Mitgliedschaft in irgendeinem Herbergs-Vereinsorganisationsding spazierten wir durch Carcassonne und waren beeindruckt von der Burg und der Stadt.
Abends deckten wir uns dann mit Bier ein - da wir als Herbergsgäste in der Burg bleiben konnten muss die abendliche Versorgung sichergestellt sein.
Im Schutze der Dunkelheit überwanden wir ein paar Absperrungen und turnten auf einem Teil der Mauer auf einem Turm rum, auf den man eigentlich nicht darf.
Mit dem Blick auf das Land und die Stadt unterhalb hauten wir unser Bier weg und gingen dann ins Bett.

Auf zum Bahnhof. Nächster Zug? Barcelona die Herren?
Barcelona? Wir schauten uns an, nickten uns zu - und fuhren nach Barcelona, Ankunft irgendwann in der Nacht.

Dort gondelten wir aus Geldgründen wieder per Bus zu einem Campingplatz, "Camping Torro".
Viel junges Volk, eine eigene Disco - wir wähnten uns im Paradies und nutzten das Angebot gleich voll aus.
In den folgenden Tagen schauten wir uns Barcelona an. Das hat uns auch sehr gut gefallen, die Stadt konnte was.
Auf den Ramblas in Barcelona habe ich mir dann noch Spielkarten mit nackten Frauen drauf gekauft. Bestohlen wurden wir nicht.
Irgendwann reichte es dann mit Barcelona und ich schlug vor, per Zug ins Nahe gelegene Lloret de Mar zu fahren. Dort war ich schon mal mit ein paar anderen Spezln zum Schulabschluss, unsere Eltern haben uns das damals gecshenkt, - wir könnten es dort mal so richtig krachen lassen.
Gesagt, getan: Ab nach Lloret. In ein windiges Hotel in der Nähe vom Strand einquartiert und dann ab ins wilde Leben. Strand, Boazn, Disco und San Miguel bis zum Abwinken.

Als wir uns nach ein paar Tagen fertig ausgetobt hatten ging es wieder nach Barcelona. Auf der Zugtafel stand der nächste Zug mit "Madrid" beschrieben. Passt, auf nach Madrid.

Dort quartierten wir uns einem privaten Casa ein und durften in einer Art Kinderzimmer nächtigen. Der Hausherr war ein alter, sehr netter Spanier, der uns bezüglich Tappas und Kneipen sehr weiterhelfen konnte.
Madrid war auch sehr schön, aber Barcelona hat uns von der Stadt und den Menschen her deutlich besser gefallen.

Nachdem wir Madrid durch hatten war uns klar, dass uns langsam die Zeit ausgeht und wir uns wieder gen Heimat orientieren müssen.
Schade, weil wir durchaus noch auf Marokko oder Portugal gehofft hatten. Aber hilft ja nix.
Also sind wir wieder zum Bahnhof und machten das übliche Spielchen. Am Ende entschieden wir uns für einen Nachtzug nach Brüssel. Dann sparen wir eine Übernachtung. Geld, das wir wieder in Bier umsetzen können.
Auf der Zugfahrt haben wir natürlich kaum geschlafen, sondern wieder unsere Biervorräte vernichtet. Inzwischen hatte sich uns ein Brasilianer angeschlossen, aus Sao Paolo.
Der wollte am Ende seines Trips einen Freund in Hamburg besuchen, der dort auf St. Pauli. Der Zufall mit St.Pauli und Sao Paolo war dem guten Mann gar nicht aufgefallen.
Und der Bub hatte noch weniger Geld als wir: Statt eines Fotoapparrats (zu teuer in der Anschaffung, Bilder entwickeln zu teuer) kaufte er sich in jeder Stadt eine Postkarte.

Früh morgens kamen wir dann in Brüssel an, sperrten unser Gepäck ins Schließfach und machten uns auf die Hotelsuche. Da wir bei der Suche an allen Sehenswürdigkeiten vorbeikamen (Martkplatz, Männekken Piss...) namen wir die gleich dant mit.
Und weil uns Brüssel so überhaupt nicht gefallen hat und die ganzen Snobs verlotterte Gestalten wie uns absolut Scheisse behandelten war klar: nix wie weg.
Wie immer hatten wir am Bahnhof Glück: Nächster Zug nach Amsterdam.

Also mitsamt Bierbixn, Brasilianer und Rucksäcken auf ins aufregende Amsterdam.
Da die Zeit langsam wirklich eng wurde war klar, dass das unsere letzte Station sein wird. Also buchten wir am Tag nach der Ankunft gleich einen Zug nach München (dein Heimatland war im Interrailticket nicht dabei) und schauten uns noch ein paar Tage Amsterdam an.
Den Brasilianer zog es dann weiter nach Hamburg und wir machten uns ein paar Tage später bewaffnet mit Plastiktüten voll Bier auf zum Bahnhof.

In unserem Abteil saßen dann zwei Amis in unserem Alter, die sich entsetzt ob unseres Bierkonsums zeigten.
Doch nachdem wir sie an unseren Vorräten beteiligten brach das Eis und die beiden machten sich auch richtig schön bläd im Schädel. Vertragen habens nicht viel, aber lustig warens.

Zurück in München spielte ich dann noch drei Tage Reiseführer für die beiden Amis. Am ersten Tag waren wir noch viert.
Am zweiten Tag schleppten sie dann ein paar weitere Menschen aus dem Hostel (dem Wombats) mit, so dass wir schon zu zehnt waren. Die beiden haben jedem im Hostel erzählt, dass sie einen "Local" haben, der sie umsonst rumführt... Und Backpacker sind nun mal Sparfüchse.
Und am dritten Tag bestand die Gruppe aus 30. Das war mir dann zu viel, so dass ich die Horde in den Augustiner Biergarten geführt hab und ein riesiges Zechgelage stattfand.
Das war dem Großteil der Touris eh am liebsten - wenn man schon in München ist, muss man sich auch wie die Hiesigen abschießen, war die einhellige Meinung.

Tja - am Tag drauf war ich dann wieder in der Arbeit.

Und irgendwann, eines Tages, werde ich mir wieder ein Interrailticket kaufen und den lieben Gott entscheiden lassen, wo es hingeht.


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