So war's in Charlton (Forum)
Charlton also. War ich noch nie, aber da mir das Groundhopper-Gen fehlt, hat es mich auch noch nie so toll hingezogen. Von 2000 bis 2007 waren sie auch mal erste Liga, sogar Mittelfeldplätze waren dabei, aber ein Jahr in der dritten Liga auch. Strukturell gehört der Verein einem belgischen INVESTOR namens Roland Duchalet, der bis vor Kurzem auch Standard Lüttich besaß und viele Spieler zwischen seinen Vereinen hin- und herschob, was bei den Addicks zu entsprechender großer Identifikation mit dem Spielerpersonal führte. Erzählten mir zumindest die vier Rentner, die mit ihren season tickets um mich rum saßen so. Womit wir beim Stadion wären, in dem wir saßen.
Die Geschichte vom „Valley“ ist hinlänglich bekannt, Das Tal ist so ne kleine Senke, wo man von der High Street mit der Bahnstation halt ein paar Schritte runtergeht. Auf der gegenüberliegenden Seite, wo früher diese Riesentribüne war, ist jetzt gar nicht mehr so viel Platz, weil weitgehend mit Wohnungen bebaut. Wie fast überall. Ein kleiner Parkplatz, ansonsten sind ringsrum überall die bekannten Reihenhäuser. Generell wird London ja, wenn man über die Themse nach Süden, vor allem Südosten fährt, nach kurzer Zeit erstmal nicht so postkartenhübsch. So richtig greislig ist es in Charlton aber nicht, da muss man dann eher ein paar Schritte nach Norden Richtung Isle of Dogs gehen. Wollte ich aber auch nicht, sondern lieber bei meinen Rentnern sitzen, von denen einer Steve und einer Ken hieß. Nachdem man letzte Saison zweimal den Trainer wechselte, wollte man nun ein langweiliges Jahr zum „rebuilding and regrouping“ einschieben. War aber nicht sicher, ob der Investor das zuließ. Wieder gab es haufenweise Neuzugänge, zum Beispiel einen Patrick Bauer aus der Jugend des VfB Stuttgart, der die Abwehr dann auch souverän zusammenhielt. Zurück zum Valley. Nur Sitzplätze rundrum, insgesamt 27.000, die südliche Hintertortribüne überlässt man zu meiner Verwunderung ganz den Gästefans. Gegen QPR war sie dann auch gut gefüllt mit vielleicht 3.000, aber ansonsten überscheint mir das überdimensioniert. Aber abgesehen von den fehlenden Stehplätzen und der vorherrschenden Farbe Rot wär da so in etwa das für Giesing. Wie gesagt: Mehr Platz ist da auch nicht, aber das Thema haben wir ja schon viele Jahre über bespielt. Positiv auf jeden Fall noch das Löwenstüberl mit echtem Bier in der Haupttribüne.
Erste Halbzeit also. Charlton nervös, QPR als Premier League-Absteiger überraschend unorganisiert und kaum der Favoritenrolle gerecht werdend, aber mit besseren Einzelspielern, nullnull. Der Support war für englische Verhältnisse nicht schlecht, aber es gab schon immer wieder Phasen, da war es so ruhig wie aufm Tennisplatz. Zur Halbzweit wurde dann der Schotte Tony Watt eingewechselt, welcher für einen Haufen Unruhe in der QPR-Abwehr sorgte und bald das erste Tor machte und dann das zweite auflegte. Nachdem das geklärt war, wollte ich schon von Ken und Steve und den beiden anderen wissen, wie das so sei. Ob 19.000 Besucher für so ein Spiel (so ne Art Derby immerhin, erstes Saisonspiel) nicht eher enttäuschend seien. Eigentlich nicht, denn die recession spiele eben ne große Rolle. Die es nach offiziellen Zahlen nicht gebe, aber was es gebe in den letzten fünf, sechs Jahren, sei ein Abhängen vieler in der Bevölkerung vom Wirtschaftswachstum und ein Zurückfahren des Sozialstaates. Und viele aus dem Bekanntenkreis könnten sich dann die Eintrittskarten nicht mehr leisten, auch Dauerkarten würden oft geteilt.
Und noch was: Auf die Frage, ob ihre Enkel auch manchmal mitkämen, kam die Antwort, dass die halt eher auf Chelsea und Manchester United stünden. So ermuntert breitete ich meinen vier Nachbarn die Leidensgeschichte von 1860 in aller gebotenen Länge aus. Es gab viel Verständnis, außer bei dem Punkt, warum man in den Neunzigern aus dem Sechzgerstadion freiwillig rausgegangen sei. Mit einem Ale wurde im Anschluss auf eine glorreiche Zukunft beider Vereine angestoßen.
Schön wars in Charlton.
