so, Mitternacht in Copacabana, noch ein wenig die Strandpromenade entlang geschlendert, die Obdachlosen dürr hungrig auf ihren Bett gewordenen Kartons gesehen, die Reichen auf der Terrasse des Copacabana Palace in Abendgarderobe beim Schampus trinken ebenso, wenige Meter voneinander entfernt, die langhaarigen Blondinen mit engem Kleid und Stöckelschuhen in körperlichen Verrenkungen damit beschäftigt, Glück und Wohlstand darzustellen. Marcelo wollte einer dreiköpfigen Familie, noch wach auf ihrer Pappkartonwohnung, die Reste unseres Abendessens bringen (o jantar para viagem), hat es dann aber doch gelassen. Überall die gestapelten schwarzen Mülltüten, und eine streikbrechende Stadtverwaltung, deren Mitarbeiter unter Polizeischutz einen Teil der Müllsäcke wegräumen. Mittags ja der Protestmarsch der Müllmänner, die um Verständnis für ihren Streik warben. Ich müsste doch jetzt schreiben, dass es entsetzlich ist. Nein, ist es nicht, wenn man dabei und daneben ist, geht es nicht anders, als es bloß zur Kenntnis zur nehmen. Wenn ich den Kontrast nicht ertrage, brauche ich hier nicht hinzufahren. Und die Brasilianer selbst? Es gibt letztlich keinen gesamtgesellschaftlichen brasilianischen Protest. Der nachgewachsene untere brasilianische Mittelstand ist froh, endlich konsumieren zu können. Wie schon zur WM sind wir am letzten Wochenende vor den Anti-Dilma-Protesten gewarnt worden, nicht ins Centro zu gehen, und passiert ist wieder nichts. Für mich ist das angenehm, aber Brasilien ist schwer zu verstehen, wie es dennoch gleichmütig arm neben reich, eher schweigend, immer mehr zur Weltmacht aufsteigt.
Für einen Vergleich von Blockupy und brasilianischem Protest fehlt mir jetzt so spät der klare Kopf. Vielleicht doch so viel, dass ich letztlich Protest nicht mag, der von einer kriminellen Komponente begleitet wird. Dafür bin ich viel zu bürgerlich erzogen und werde es auch immer bleiben.