Von fiktionaler Literatur und dem TSV 1860 (Forum)

Tabor Westen, Monday, 14.10.2013, 17:29 (vor 4549 Tagen)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article120866687/M-oder-Der-Moerder-ist-die-Stadt.html

So klingt es, wenn der Rezensent noch naiver ist, als der Autor eines von ihm besprochenen Romans: "Bedauerlich ist allerdings, dass wir nun gar keinen Münchner Fußballclub mehr haben, den wir auch nur annähernd sympathisch finden. Ausgerechnet die 1860er, der Club von Scheich Hasan Ismaik, haben ein massives Nazi-Problem, das nicht so verwunderlich ist, wenn man weiß, was einem Ani, nicht nur weil er ausgemachter Bayern-Fan ist, unter die Nase reibt: Die Löwen waren Lieblingsclub von Generalfeldmarschall Keitel. Und davon haben sie sich bis jetzt weder erholt noch distanziert, glaubt Springer-Autor Elmar Krekeler nach der Lektüre von "M" zu wissen.

Aha. Wilhelm Keitel soll also 1860-Fan gewesen sein? Zwar hatte Keitel Zeit seines verbrecherischen Lebens keinerlei persönliche Verbindung zu München, wurde im Harz geboren - Schulzeit in Göttingen - Militärdienst in Wolfenbüttel - Marinekorps Flandern - Kavallerieschule Hannover - Berlin - Infanterie-Kommandant von Bremen - Gutsbesitzer in Niedersachsen - Balkanfeldzug - Wolfsschanze - Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde in Berlin - zum Tode verurteilt in Nürnberg. München oder gar Giesing in der Vita? Keine Spur!?

Egal, in einem Roman darf man das fiktional schon erzählen. Dafür ist Literatur da. Nur als Tatsache, wie Elmar Krekeler, der darauf gleich eine Weltanschauung gründet, sollte man es nicht begreifen. Alfred Jodl, verbrecherischer General der Wehrmacht, in Würzburg geboren, Schulzeit im Theresien-Gymnasium München, in Nürnberg hingerichtet, soll übrigens glühender Anhänger des FC Bayern gewesen sein. Was nun?

Naheliegend ist, dass der Rezensent (oder gar Ani selbst?) Keitel mit Ketterer verwechselt. Letzterer war NSDAP-(Lokal)Politiker in München, überzeugter Nazi und von 1936 bis 1945 Vorsitzender des TSV 1860 München. Ketterers Schwiegersohn, der Ehemann seiner Tochter Waltrude, war übrigens der SS-Mann, Reichsstudentenführer und spätere Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, der 1977 von der Rote Armee Fraktion (RAF) ermordet wurde. Auch eine interessante Vorlage für einen Roman.


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