Als Sechzig noch Sechzig war (Forum)

Celtic*, Friday, 31.08.2012, 21:13 (vor 4949 Tagen)

Aufstiegswallfahrt nach Altötting 1991

Man schrieb das Jahr 1991, als der TSV 1860 mal wieder an der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga teilnehmen durfte. Und eines nachmittags war es soweit. Die Löwen sicherten sich mit einem Sieg gegen Neunkirchen nach 9 Jahren Bayernliga endlich die Rückkehr in den Profifußball!

Wie oft haben wir (meine Spezln und ich) in den letzten Jahren gesagt, „wenn mir aufsteing, gehma auf Oideding!“ Jetzt war es soweit. Der Klaus, der Max und ich hatten in weiser Voraussicht sowieso schon Urlaub genommen, und so pilgerten wir am Dienstag nach dem Aufstieg (so lange brauchten wir, um überhaupt wieder wanderfähig zu werden) von München Richtung Altötting.

Ursprünglich wollten wir am Sechzgerstadion starten, haben uns aber dann entschlossen, bei diesem Sauwetter soweit wie möglich mit der S-Bahn zu fahren (der S-Bahn-Bereich gilt ja praktisch noch als München). Und so ging es im strömenden Regen in Markt Schwaben los. Wir hatten meinen (blauen) Tramperrucksack dabei, den wir mit allem füllten, was wir auf dem dreitägigen Marsch brauchten und den wir abwechselnd trugen. Dieser Rucksack hatte ein wunderbares (blaues) Metallgestell, an dem wir Löwenschals, weiß-blaue Kordeln und eine Löwenfahne sowie die bayerische Flagge befestigen konnten. Wir selbst waren ebenfalls mit Schals und Löwenmützen behangen und unschwer als Giasinger Gschwerl auszumachen.

Bereits kurz nachdem wir Markt Schwaben verlassen hatten musste der Klaus ins Gebüsch. Er musste auch noch „groß“. Die Aufregung wahrscheinlich. Wir hatten kein Klopapier dabei, aber eine Abendzeitung. Es ist schon ein bizarrer Anblick einen behangenen Löwenfan mit Schirm in eindeutiger Körperhaltung durchs Gebüsch schimmern zu sehen.

Kurz bevor wir Buch am Buchrain erreicht hatten, hörte der Regen auf und die Sonne kam zum Vorschein. In Buch sind wir ins Wirtshaus und wollten Mittagessen. Dort war es allerdings nicht üblich, dass an einem Dienstag Leute zum Essen kommen. Aber als wir der Wirtin gesagt haben, was wir vorhaben, hat sie uns was gekocht. Paprikaschnitzel. Gestärkt setzten wir unsere „Wallfahrt“ fort und kamen nach Isen, wo plötzlich ein Polizeiwagen an uns vorbeifuhr, umgedreht ist und wieder auf uns zukam. Wir haben noch überlegt, was wir falsch gemacht haben könnten, da stiegen die zwei Polizisten aus und fragten lachend: „Sogts bloß, ihr gähds auf Oideding!“ Sie haben sich als Herbert und Helmut vorgestellt und uns gefragt, ob sie uns fotografieren könnten. Sie schreiben nämlich auch Berichte für die Regionalausgabe des Münchner Merkur. Ich habe ihnen noch meine Adresse gegeben, damit sie uns den Zeitungsausschnitt zuschicken können, was sie dann auch gemacht haben.

Unsere Route hätte uns an Dorfen vorbei Richtung Schwindkirchen führen sollen, aber irgendwo sind wir falsch abgebogen. Um wieder auf den rechten Weg zu kommen, mussten wir über eine Wiese und einen Hügel wandern. Plötzlich war da ein wieder ein Weg und wir waren richtig. Da kamen wir an einem Bauernhof vorbei, dessen Einfahrt weit offenstand. Wir haben noch ein Knurren und Zähnefletschen gehört, da sahen wir auch schon diesen Schäferhund in vollem Tempo auf uns zurennen. Wir verharrten in einer Art Schockstarre und die Frage war nicht, ob uns dieses Vieh fressen würde, sondern wen zuerst. Kurz bevor er die Straße (und damit uns) erreichte, hat ihn eine Kette zurückgehalten und in die Luft geschleudert. Die Kette war nämlich an einem Drahtseil in gut zwei Metern Höhe befestigt. Dass sich der Köter dabei nicht das Genick gebrochen hat, ist ein Wunder. Er hat weiter gekläfft was das Zeug hielt. Ein Killer! Wir sind weitergegangen und erst Minuten später fiel der Satz: „Der häd uns zerfleischt.“ Von da an haben wir jede Hof-, Garagen- und sonstige Einfahrt schon von weitem genau begutachtet. Wir waren traumatisiert. Unser Umweg hat uns soviel Zeit gekostet, dass es schon gedämmert hat, als wir Armstorf erreichten. Dort war ein Wirtshaus, wo wir Abendessen und Abendtrinken wollten. Der Wirt war hellauf begeistert, als er uns gesehen hat. Ein Löwenfan, aber kein Stadiongänger. Als wir nach Übernachtungsmöglichkeiten gefragt haben, wussten die Wirtsleute zunächst gar nichts. Doch plötzlich sagte die Wirtin was von einem Exerzitienheim. Und der Wirt: „Ihr seits doch praktisch Wallfahrer!“ Skeptische Blicke wechselnden zwischen uns drei hin und her. Die Wirtin hat gesagt, fragen kostet nix, aber einer von uns muss mitgehen. Und am besten in zivil. Ich falle bei so was generell aus und der Klaus ist nicht einmal katholisch. Und fällt eh auch bei so was generell aus. Also der Max! Beinahe hätte er vergessen, den Löwenschal abzunehmen, aber dann ist er losgetigert und hat die Unterkunft gesichert. Wir haben unser ganzes Löwenzeug beim Wirten gelassen (der hat sich richtig gefreut) und wurden beim „Einchecken“ genau gemustert. Wir waren freundlich und nett und haben auf die Frage, „warum macht ihr die Wallfahrt“ unverfänglich (eher ausweichend) geantwortet. Jedenfalls durften wir rein. Schöne Zimmer, reichhaltiges Frühstück und bezahlen sollten wir soviel, wie wir meinten. Wir haben dann gefragt, was sonst so bezahlt wird und haben uns danach gerichtet. Wir haben zusammen 50 Mark geboten und es wurde dankend angenommen.

Am nächsten Tag haben dem Wirten vom Vortag unsere Utensilien wieder abgenommen (die Löwenfahne hatte er sich für diese eine Nacht übers Bett gehängt) und sind weitergezogen. Wir durchstreiften gerade Schwindkirchen, als ein Baggerfahrer mitten auf der Straße stehengeblieben ist und gerufen hat: „Gähds ihr auf Oideding?“ Er hat vier Halbe Bier aus seinem Gefährt herausgezogen (aus einem Bagger wohlgemerkt) und wir haben erstmal geratscht. Dann führte uns der Weg eine scheinbar endlose gerade Straße neben dem Bahngleis entlang bis nach Schwindegg. Von dort geht es genauso langweilig weiter bis Ampfing. Immer geradeaus, bis du fast deppert wirst. Irgendwann hat der Max ein bisserl abreißen lassen. Er hatte Probleme beim Gehen. Kurz vor Ampfing war ein Kiosk, bei dem wir uns ein bisschen stärken konnten und Max hat seine Blasen versorgt. Blasen schon am zweiten Tag? Logisch, wir hatten Turnschuhe an, wie es in den Achtzigern üblich war. Und für Löwenfans auch noch in den Neunzigern! Endlich haben wir Ampfing erreicht und der Max und ich hatten eigentlich schon genug von der zweiten Etappe. Der Klaus hat allerdings gemeint, wenn wir jetzt für heute Schluss machen, dann schaffmas ned. Mia miassn bis Muidorf kemma! Knappe 40 km am ersten Tag, knappe 40 km am zweiten Tag und dafür am dritten Tag nur knappe 20 km. Er hatte Recht! Also weiter bis nach Mühldorf. Als die Stimmung am Tiefpunkt war, haben wir den Sechzgermarsch angestimmt. Unsere Moral war wieder da. Wir haben praktisch von Ampfing bis Mühldorf Marsch mit Gesang gehabt. Gleich am Ortseingang war ein Gasthaus. Mit Zimmern. Wir hatten zuerst Hunger, konnten aber nicht einmal aufessen. Und Bier wollten wir auch nicht mehr so recht, obwohl uns das Bier andere anwesende Gäste gezahlt haben. Wir waren fertig und auch der Klaus und ich hatten nun ordentliche Blasen an den Füßen.

Am nächsten Tag sind wir mit je zwei Paar Socken und dem Max seine Blasenpflaster aufgebrochen zu letzten Etappe. In der Innenstadt von Mühldorf hatten wir das Gschau. Ungläubige, bewundernde, und freundliche Blicke wurden uns zugeworfen. Aber auch der eine oder andere feindselige Blick. Es gibt halt überall komische Leute. Von Mühldorf nach Altötting wäre es gar nicht soweit, würde man an der B 12 entlang wandern. Da diese Bundesstraße aber auch mancher Autofahrer nicht überlebt, haben wir als Fußgänger für eine längere aber sicherere Variante entschieden. In Tüßling machten wir zum zweiten Mal Bekanntschaft mit der Polizei. Ein rasenmähender Herr im besten Alter rief uns zu: „Gähds ihr auf Oideding?“ Er stellte sich als pensionierter Polizist heraus, der früher oft bei Fußballspielen eingesetzt war. Er würde das heute nicht mehr machen wollen (1991!). Er war selber Löwenfan und lud uns auf eine Halbe ein. Auf Plastikstühlen im Garten, kurz vor dem Ziel eine Halbe Bier. Das schmeckt doppelt gut! Kurz danach begann der Weg, den wirkliche Wallfahrer auch gehen. Der Marterlweg nach Altötting. Von einem Marterl zum nächsten, und zum nächsten, und zum nächsten. Das ganze hat etwas von „du bist glei do“ und von „des heart ja nia auf“ in einem. Nach langer Zeit war ein gelbes Schild zu erkennen, auf dem stand: „Kreisstadt Altötting“. Irgendein Einheimischer hat uns fotografiert. Die Schals über das Schild gehängt, die Löwenfahnen und die bayerische Fahne schwingend vor dem Schild. Wir haben ihm unsere Adresse gegeben, aber er hat uns das Foto nie geschickt, der Sauhund!

Noch waren wir nicht am Ziel. Unser Ziel war nicht die Gnadenkappelle mit der Schwarzen Madonna, sondern ein Wirtshaus gleich in der Nähe. Der Klaus hatte einen Arbeitskollegen, der in Neuötting wohnt und bei dem wir übernachten konnten (Mir fällt ums Verrecken sein Name nicht mehr ein, darum nenne ich ihn jetzt einfach Hans). Mit dem war Donnerstag Mittag oder früher Nachmittag vereinbart. In diesem Wirtshaus. Wir sind zwar trotzdem einmal um die Kapelle rumgegangen (mit Löwenfahne, Schals und sonstigem Zeug), sind dann aber schnurstracks zum Wirten, wo unser Mann mit einem Spezl schon saß. Es gab ein großes Hallo und für jeden eine Mass, dann sind wir nach Neuötting gefahren worden. Von Oideding nach Neieding kann man zwar eigentlich locker zu Fuß gehen, aber wir drei hätten es nicht mehr geschafft. Nachdem man uns unsere Schlafgemächer gezeigt hat, haben wir zum Abendessen ein Neuöttinger Wirtshaus aufgesucht. Und wer sitzt da mit seinen Spezln? Der Herbert, seines Zeichens Polizist. Einer von den beiden, die wir in Isen kennengelernt haben. Einem feuchtfröhlichen Vorabend stand nichts mehr im Weg. Irgendwann sind wir noch in einer Disco eingekehrt und frühmorgens beim „Hans“ aufgewacht.

Der „Hans“ hat uns am nächsten Tag nach München zurückgefahren, und zwar genau die Strecke, die wir gegangen sind (natürlich nicht die Fußwege und Wiesen), was ziemlich interessant war.

Vielleicht hätten wir doch in die Gnadenkapelle hineingehen sollen, dann wären wir vielleicht nicht gleich wieder abgestiegen.

Tags:
Reiseberichte

grandios-hab sehr gelacht. danke!

my nostalgiic mind, Friday, 31.08.2012, 22:44 (vor 4949 Tagen) @ Celtic*

Aufstiegswallfahrt nach Altötting 1991

Man schrieb das Jahr 1991, als der TSV 1860 mal wieder an der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga teilnehmen durfte. Und eines nachmittags war es soweit. Die Löwen sicherten sich mit einem Sieg gegen Neunkirchen nach 9 Jahren Bayernliga endlich die Rückkehr in den Profifußball!

Wie oft haben wir (meine Spezln und ich) in den letzten Jahren gesagt, „wenn mir aufsteing, gehma auf Oideding!“ Jetzt war es soweit. Der Klaus, der Max und ich hatten in weiser Voraussicht sowieso schon Urlaub genommen, und so pilgerten wir am Dienstag nach dem Aufstieg (so lange brauchten wir, um überhaupt wieder wanderfähig zu werden) von München Richtung Altötting.

Ursprünglich wollten wir am Sechzgerstadion starten, haben uns aber dann entschlossen, bei diesem Sauwetter soweit wie möglich mit der S-Bahn zu fahren (der S-Bahn-Bereich gilt ja praktisch noch als München). Und so ging es im strömenden Regen in Markt Schwaben los. Wir hatten meinen (blauen) Tramperrucksack dabei, den wir mit allem füllten, was wir auf dem dreitägigen Marsch brauchten und den wir abwechselnd trugen. Dieser Rucksack hatte ein wunderbares (blaues) Metallgestell, an dem wir Löwenschals, weiß-blaue Kordeln und eine Löwenfahne sowie die bayerische Flagge befestigen konnten. Wir selbst waren ebenfalls mit Schals und Löwenmützen behangen und unschwer als Giasinger Gschwerl auszumachen.

Bereits kurz nachdem wir Markt Schwaben verlassen hatten musste der Klaus ins Gebüsch. Er musste auch noch „groß“. Die Aufregung wahrscheinlich. Wir hatten kein Klopapier dabei, aber eine Abendzeitung. Es ist schon ein bizarrer Anblick einen behangenen Löwenfan mit Schirm in eindeutiger Körperhaltung durchs Gebüsch schimmern zu sehen.

Kurz bevor wir Buch am Buchrain erreicht hatten, hörte der Regen auf und die Sonne kam zum Vorschein. In Buch sind wir ins Wirtshaus und wollten Mittagessen. Dort war es allerdings nicht üblich, dass an einem Dienstag Leute zum Essen kommen. Aber als wir der Wirtin gesagt haben, was wir vorhaben, hat sie uns was gekocht. Paprikaschnitzel. Gestärkt setzten wir unsere „Wallfahrt“ fort und kamen nach Isen, wo plötzlich ein Polizeiwagen an uns vorbeifuhr, umgedreht ist und wieder auf uns zukam. Wir haben noch überlegt, was wir falsch gemacht haben könnten, da stiegen die zwei Polizisten aus und fragten lachend: „Sogts bloß, ihr gähds auf Oideding!“ Sie haben sich als Herbert und Helmut vorgestellt und uns gefragt, ob sie uns fotografieren könnten. Sie schreiben nämlich auch Berichte für die Regionalausgabe des Münchner Merkur. Ich habe ihnen noch meine Adresse gegeben, damit sie uns den Zeitungsausschnitt zuschicken können, was sie dann auch gemacht haben.

Unsere Route hätte uns an Dorfen vorbei Richtung Schwindkirchen führen sollen, aber irgendwo sind wir falsch abgebogen. Um wieder auf den rechten Weg zu kommen, mussten wir über eine Wiese und einen Hügel wandern. Plötzlich war da ein wieder ein Weg und wir waren richtig. Da kamen wir an einem Bauernhof vorbei, dessen Einfahrt weit offenstand. Wir haben noch ein Knurren und Zähnefletschen gehört, da sahen wir auch schon diesen Schäferhund in vollem Tempo auf uns zurennen. Wir verharrten in einer Art Schockstarre und die Frage war nicht, ob uns dieses Vieh fressen würde, sondern wen zuerst. Kurz bevor er die Straße (und damit uns) erreichte, hat ihn eine Kette zurückgehalten und in die Luft geschleudert. Die Kette war nämlich an einem Drahtseil in gut zwei Metern Höhe befestigt. Dass sich der Köter dabei nicht das Genick gebrochen hat, ist ein Wunder. Er hat weiter gekläfft was das Zeug hielt. Ein Killer! Wir sind weitergegangen und erst Minuten später fiel der Satz: „Der häd uns zerfleischt.“ Von da an haben wir jede Hof-, Garagen- und sonstige Einfahrt schon von weitem genau begutachtet. Wir waren traumatisiert. Unser Umweg hat uns soviel Zeit gekostet, dass es schon gedämmert hat, als wir Armstorf erreichten. Dort war ein Wirtshaus, wo wir Abendessen und Abendtrinken wollten. Der Wirt war hellauf begeistert, als er uns gesehen hat. Ein Löwenfan, aber kein Stadiongänger. Als wir nach Übernachtungsmöglichkeiten gefragt haben, wussten die Wirtsleute zunächst gar nichts. Doch plötzlich sagte die Wirtin was von einem Exerzitienheim. Und der Wirt: „Ihr seits doch praktisch Wallfahrer!“ Skeptische Blicke wechselnden zwischen uns drei hin und her. Die Wirtin hat gesagt, fragen kostet nix, aber einer von uns muss mitgehen. Und am besten in zivil. Ich falle bei so was generell aus und der Klaus ist nicht einmal katholisch. Und fällt eh auch bei so was generell aus. Also der Max! Beinahe hätte er vergessen, den Löwenschal abzunehmen, aber dann ist er losgetigert und hat die Unterkunft gesichert. Wir haben unser ganzes Löwenzeug beim Wirten gelassen (der hat sich richtig gefreut) und wurden beim „Einchecken“ genau gemustert. Wir waren freundlich und nett und haben auf die Frage, „warum macht ihr die Wallfahrt“ unverfänglich (eher ausweichend) geantwortet. Jedenfalls durften wir rein. Schöne Zimmer, reichhaltiges Frühstück und bezahlen sollten wir soviel, wie wir meinten. Wir haben dann gefragt, was sonst so bezahlt wird und haben uns danach gerichtet. Wir haben zusammen 50 Mark geboten und es wurde dankend angenommen.

Am nächsten Tag haben dem Wirten vom Vortag unsere Utensilien wieder abgenommen (die Löwenfahne hatte er sich für diese eine Nacht übers Bett gehängt) und sind weitergezogen. Wir durchstreiften gerade Schwindkirchen, als ein Baggerfahrer mitten auf der Straße stehengeblieben ist und gerufen hat: „Gähds ihr auf Oideding?“ Er hat vier Halbe Bier aus seinem Gefährt herausgezogen (aus einem Bagger wohlgemerkt) und wir haben erstmal geratscht. Dann führte uns der Weg eine scheinbar endlose gerade Straße neben dem Bahngleis entlang bis nach Schwindegg. Von dort geht es genauso langweilig weiter bis Ampfing. Immer geradeaus, bis du fast deppert wirst. Irgendwann hat der Max ein bisserl abreißen lassen. Er hatte Probleme beim Gehen. Kurz vor Ampfing war ein Kiosk, bei dem wir uns ein bisschen stärken konnten und Max hat seine Blasen versorgt. Blasen schon am zweiten Tag? Logisch, wir hatten Turnschuhe an, wie es in den Achtzigern üblich war. Und für Löwenfans auch noch in den Neunzigern! Endlich haben wir Ampfing erreicht und der Max und ich hatten eigentlich schon genug von der zweiten Etappe. Der Klaus hat allerdings gemeint, wenn wir jetzt für heute Schluss machen, dann schaffmas ned. Mia miassn bis Muidorf kemma! Knappe 40 km am ersten Tag, knappe 40 km am zweiten Tag und dafür am dritten Tag nur knappe 20 km. Er hatte Recht! Also weiter bis nach Mühldorf. Als die Stimmung am Tiefpunkt war, haben wir den Sechzgermarsch angestimmt. Unsere Moral war wieder da. Wir haben praktisch von Ampfing bis Mühldorf Marsch mit Gesang gehabt. Gleich am Ortseingang war ein Gasthaus. Mit Zimmern. Wir hatten zuerst Hunger, konnten aber nicht einmal aufessen. Und Bier wollten wir auch nicht mehr so recht, obwohl uns das Bier andere anwesende Gäste gezahlt haben. Wir waren fertig und auch der Klaus und ich hatten nun ordentliche Blasen an den Füßen.

Am nächsten Tag sind wir mit je zwei Paar Socken und dem Max seine Blasenpflaster aufgebrochen zu letzten Etappe. In der Innenstadt von Mühldorf hatten wir das Gschau. Ungläubige, bewundernde, und freundliche Blicke wurden uns zugeworfen. Aber auch der eine oder andere feindselige Blick. Es gibt halt überall komische Leute. Von Mühldorf nach Altötting wäre es gar nicht soweit, würde man an der B 12 entlang wandern. Da diese Bundesstraße aber auch mancher Autofahrer nicht überlebt, haben wir als Fußgänger für eine längere aber sicherere Variante entschieden. In Tüßling machten wir zum zweiten Mal Bekanntschaft mit der Polizei. Ein rasenmähender Herr im besten Alter rief uns zu: „Gähds ihr auf Oideding?“ Er stellte sich als pensionierter Polizist heraus, der früher oft bei Fußballspielen eingesetzt war. Er würde das heute nicht mehr machen wollen (1991!). Er war selber Löwenfan und lud uns auf eine Halbe ein. Auf Plastikstühlen im Garten, kurz vor dem Ziel eine Halbe Bier. Das schmeckt doppelt gut! Kurz danach begann der Weg, den wirkliche Wallfahrer auch gehen. Der Marterlweg nach Altötting. Von einem Marterl zum nächsten, und zum nächsten, und zum nächsten. Das ganze hat etwas von „du bist glei do“ und von „des heart ja nia auf“ in einem. Nach langer Zeit war ein gelbes Schild zu erkennen, auf dem stand: „Kreisstadt Altötting“. Irgendein Einheimischer hat uns fotografiert. Die Schals über das Schild gehängt, die Löwenfahnen und die bayerische Fahne schwingend vor dem Schild. Wir haben ihm unsere Adresse gegeben, aber er hat uns das Foto nie geschickt, der Sauhund!

Noch waren wir nicht am Ziel. Unser Ziel war nicht die Gnadenkappelle mit der Schwarzen Madonna, sondern ein Wirtshaus gleich in der Nähe. Der Klaus hatte einen Arbeitskollegen, der in Neuötting wohnt und bei dem wir übernachten konnten (Mir fällt ums Verrecken sein Name nicht mehr ein, darum nenne ich ihn jetzt einfach Hans). Mit dem war Donnerstag Mittag oder früher Nachmittag vereinbart. In diesem Wirtshaus. Wir sind zwar trotzdem einmal um die Kapelle rumgegangen (mit Löwenfahne, Schals und sonstigem Zeug), sind dann aber schnurstracks zum Wirten, wo unser Mann mit einem Spezl schon saß. Es gab ein großes Hallo und für jeden eine Mass, dann sind wir nach Neuötting gefahren worden. Von Oideding nach Neieding kann man zwar eigentlich locker zu Fuß gehen, aber wir drei hätten es nicht mehr geschafft. Nachdem man uns unsere Schlafgemächer gezeigt hat, haben wir zum Abendessen ein Neuöttinger Wirtshaus aufgesucht. Und wer sitzt da mit seinen Spezln? Der Herbert, seines Zeichens Polizist. Einer von den beiden, die wir in Isen kennengelernt haben. Einem feuchtfröhlichen Vorabend stand nichts mehr im Weg. Irgendwann sind wir noch in einer Disco eingekehrt und frühmorgens beim „Hans“ aufgewacht.

Der „Hans“ hat uns am nächsten Tag nach München zurückgefahren, und zwar genau die Strecke, die wir gegangen sind (natürlich nicht die Fußwege und Wiesen), was ziemlich interessant war.

Vielleicht hätten wir doch in die Gnadenkapelle hineingehen sollen, dann wären wir vielleicht nicht gleich wieder abgestiegen.

Dieser Wallfahrt ging ein bemerkenswerter Vortag voraus

Celtic*, Friday, 31.08.2012, 22:49 (vor 4949 Tagen) @ Celtic*

Und zwar ein Montag. Sonntag aufgestiegen, Montag um elf im Lehel. Im Lehel hat der Klaus gewohnt, mit dem ich mich in einer dortigen Wirtschaft getroffen habe (nicht das St.-Anna-Eck, aber ähnlich wars schon).

Einer philosophisch-sportlichen Unterhaltung ("wos waarn mia wenn Sechzge ned waar"; "wann hoinma an Europacup?") folgte die Erkenntnis, dass wir beide viel zu wenig Geld dabei hatten. Zwei Spezln von uns (der Wolfgang/Löwe und der Walter/Roter) haben bei der Versicherungskammer gearbeitet, also damals im Lehel, gleich ums Eck. Do miassma hi!

Der Weg zur Versicherungskammer führte uns zwei Helden am Schwesternheim des Bayerischen Roten Kreuz vorbei. Unser Aufstiegsgesang am hellichten Tag lies ein paar Schwestern aufhorchen und aus dem Fenster schauen. Auf unser "hey, machts auf!", hat der Türöffner gesummt und wir sind rein. Im Haus sind wir dann von Stockwerk zu Stockwerk herumgeirrt auf der Suche nach der offenen Tür zu den Schwestern. "Bläde Schwestern!"

Also weiter zur Kammer. Wir brauchten Geld. Singend sind wir die Front des Versicherungskammergebäudes entlang geschlendert, das haben sich etliche Fenster geöffnet und lachende Gesichter waren zu vernehmen. Und eines dieser Gesichter war das vom Wolfgang. Auf unser "Mia braucha a Geld!" ist ein Zwanziger heruntergesegelt.

In die Wirtschaft, auf die Löwen, auf die Löwen, auf die Löwen, Prost! Und schon wieder ist das Geld weg. Zurück zur Versicherungskammer, aber zum Walter, meinte der Klaus. Der Walter ist ein eingefleischter Roter in der Materialverwaltung der Kammer, die einen separaten Eingang hat. Irgendein Kollege vom Walter hat uns hereingelassen und uns gleich je eine Halbe kredenzt. Alle haben sich über den Besuch derjenigen gefreut, von denen schon die ganze Zeit die Rede war, dass die sich in der Gegend rumtreiben sollen. Erst wie es sich bis zur Materialverwaltung herumgesprochen hat, dass Fremde ins Gebäude eingedrungen sind und man aufpassen soll, haben wir uns verabschiedet und sind am nächsten Tag nach Altötting.

Mir stellt sich die Frage,

Commander, Saturday, 01.09.2012, 12:01 (vor 4949 Tagen) @ Celtic*

ob das ein "singulärer Event" bleiben wird oder es in Zukunft noch einen Anlass geben könnte, auf eine Sechzger-Wallfahrt zu gehen?

So wie Sechzig damals nach neun Jahren Diaspora in der Bayernliga wieder auferstanden ist, könnte es ziemlich analog sein, wenn irgendwann die Diaspora in Fröttmaning überwunden wird.

Aber ob Sechzig deswegen wieder Sechzig wird?

Wem wird Sechzig gehören? Den Fans/Mitgliedern oder einem Scheich oder einem Oligarchen oder dem Hoeneß? Und wo wird Sechzig spielen?

Es sind einfach zu viele Gräben gezogen, zu viele Brunnen vergiftet worden. Durch all die Wildmosers, Ziffzers, Schäfers, Schneiders und Scheichs.

Mir stellt sich die Frage,

Clarence, Saturday, 01.09.2012, 12:04 (vor 4949 Tagen) @ Commander

Alles scheißegal, wenn 60 ins Pokalendspiel kommt. Dann laff i nach Berlin!

Mir stellt sich die Frage,

Commander, Saturday, 01.09.2012, 13:08 (vor 4949 Tagen) @ Clarence
bearbeitet von Commander, Saturday, 01.09.2012, 13:19

Alles scheißegal, wenn 60 ins Pokalendspiel kommt. Dann laff i nach Berlin!

Wollt schon schreiben: "Des schaffst Du niaaa!"

Habe aber Deinen unterbayrischen Standort vergessen. 517 km müssten bei guter Wander-Konstitution in rund 14 Tagen zu schaffen sein. [image]

Langsam würd ich mir schon Gedanken über Gewichtsreduktion machen. Das wäre sehr hilfreich. Du kannst aber auch gleich mit der Firme auf Kur gehen!
;-)

Mir stellt sich die Frage, der trainer antwortet

Joerg ⌂, Sunday, 02.09.2012, 07:41 (vor 4948 Tagen) @ Commander

517 km sind eigendlich kein problem, ein mittelmässiger walker (er kann ja auch seine alten skistöcke nehmen) schafft 5 km in ca. 40 minuten (locker, gute brauchen nur 30-32 minuten)
normale wanderzeit pro tag 7 stunden (4 vormittags + 3 nachmittags)
240 minuten vormittags macht 30 km und 180 minuten sagen wir 20 km, da kann er noch 20 minuten vertrödeln oder 2,5 km draufpacken
er bekommt 10 tage und keinen tag länger

tagesablauf:
6 uhr aufstehen (gymnastik, kleiner fitnesslauf 1,2 km, duschen - kalt)
7 uhr frühsrück
8 uhr abmarsch, bis 12 uhr gehen
12.30 uhr mittagessen
13 - 13.45 uhr ruhe, anschliessend 15 minuten stetchen und gymnastik
14 uhr abmarsch, bis 17 uhr gehen
17 - 18 uhr frisch machen, stretchen/gymnastik
18 - 18.30 ruhe
18.30 - 19.15 abendbrot
19.15 uhr - 20 uhr putz und flickstunde, instandhaltung des materials
ab 20 uhr bis 21 uhr ruhe (1 -2 halbe sind erlaubt)
ab 21 uhr bettruhe

absolut verboten ist nur rauchen
wichtig gutes schuhwerk,
bei einhaltung des tagesablaufs gehts ab dem 4. tag wie von selbst
schwierig sind eigentlich nur tag 2 und 3

Mir stellt sich die Frage, der trainer antwortet

Commander, Sunday, 02.09.2012, 10:55 (vor 4948 Tagen) @ Joerg

517 km sind eigendlich kein problem, ein mittelmässiger walker (er kann ja auch seine alten skistöcke nehmen) schafft 5 km in ca. 40 minuten (locker, gute brauchen nur 30-32 minuten)
normale wanderzeit pro tag 7 stunden (4 vormittags + 3 nachmittags)
240 minuten vormittags macht 30 km und 180 minuten sagen wir 20 km, da kann er noch 20 minuten vertrödeln oder 2,5 km draufpacken
er bekommt 10 tage und keinen tag länger

tagesablauf:
6 uhr aufstehen (gymnastik, kleiner fitnesslauf 1,2 km, duschen - kalt)
7 uhr frühsrück
8 uhr abmarsch, bis 12 uhr gehen
12.30 uhr mittagessen
13 - 13.45 uhr ruhe, anschliessend 15 minuten stetchen und gymnastik
14 uhr abmarsch, bis 17 uhr gehen
17 - 18 uhr frisch machen, stretchen/gymnastik
18 - 18.30 ruhe
18.30 - 19.15 abendbrot
19.15 uhr - 20 uhr putz und flickstunde, instandhaltung des materials
ab 20 uhr bis 21 uhr ruhe (1 -2 halbe sind erlaubt)
ab 21 uhr bettruhe

absolut verboten ist nur rauchen
wichtig gutes schuhwerk,
bei einhaltung des tagesablaufs gehts ab dem 4. tag wie von selbst
schwierig sind eigentlich nur tag 2 und 3

Am besten wird es sein, der Clarence macht einen kleinen Haken über Kassel. Dann sinds zwar laut Google Maps 709 km, aber dafür hat er für den Großteil der Strecke den richtigen Personal Trainer! ;-)

Mir stellt sich die Frage, der trainer antwortet

Clarence, Sunday, 02.09.2012, 18:01 (vor 4947 Tagen) @ Joerg

Also gestern bin ich schon mal gewandert. Für 11 km hab ich 2 Stunden gebraucht, war eigentlich kein Problem.
Den Tagesablauf stell ich mir aber anders vor.

08.30 Aufstehen
09.00-09.30 Frühstück
10.00-11.00 Frühschoppen (2 Halbe)
11.00-12.00 5 km laufen
12.00-13.00 Mittagspause
13.00-15.00 10 km laufen
15.00-15.30 Nachmittagskaffee
15.30-17.30 10 km laufen
18.00-00.00 Wirtshaus mit zwischendrin duschen usw...

Des war scho eher mei Wetter

Mir stellt sich die Frage, der trainer antwortet

Commander, Sunday, 02.09.2012, 18:57 (vor 4947 Tagen) @ Clarence

Also gestern bin ich schon mal gewandert. Für 11 km hab ich 2 Stunden gebraucht, war eigentlich kein Problem.
Den Tagesablauf stell ich mir aber anders vor.

08.30 Aufstehen
09.00-09.30 Frühstück
10.00-11.00 Frühschoppen (2 Halbe)
11.00-12.00 5 km laufen
12.00-13.00 Mittagspause
13.00-15.00 10 km laufen
15.00-15.30 Nachmittagskaffee
15.30-17.30 10 km laufen
18.00-00.00 Wirtshaus mit zwischendrin duschen usw...

Des war scho eher mei Wetter

Versteh Dich gut. Aber so kommst halt bloß bis Leipzig! ;-)

(PS: Außer Du verbratest für die Gaudi Dein ganzen Jahresurlaub!)

Mir stellt sich die Frage, der trainer antwortet

Clarence, Sunday, 02.09.2012, 22:53 (vor 4947 Tagen) @ Commander

Mein Jahresurlaub is flexibel :-)

Also kein Problem, muss ich halt nur gleich nach dem Halbfinale loslaufen

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